Bibliotheken und KI

Seit das US-amerikanische Unternehmen OpenAI sein Programm „ChatGPT“ im Herbst 2022 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, hat die Diskussion über das Thema „Künstliche Intelligenz“ in Deutschland an Fahrt aufgenommen. Auch Bibliotheken beschäftigen sich zunehmend mit dem Thema, sowohl für die interne Anwendung als auch für Angebote für die Nutzenden.

Was ist KI?

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung definiert den Begriff „Künstliche Intelligenz“ folgendermaßen: „Künstliche Intelligenz (KI) (abgeleitet vom englischen Artificial Intelligence, kurz AI) ist eine Bezeichnung für Computerprogramme, die in der Lage sind, selbstständig Entscheidungen zu treffen oder Probleme zu lösen. Sie können sich dabei selbst an neue Gegebenheiten anpassen, um ihre Arbeitsaufgabe bestmöglich lösen zu können.“ (Quelle)

Wesentlich ist die Fähigkeit der selbstständigen Problemlösung. Eine bloße Automatisierung von Prozessen ist noch keine KI, auch ein Roboter nutzt nicht unbedingt KI-Technologie.

Generell wird unterschieden zwischen schwacher und starker KI, wobei die schwache KI Menschen lediglich in einzelnen Bereichen unterstützt (z.B. Sprachassistenten oder Gesichtserkennung), eine starke KI hingegen auf eine Imitation des Menschen zielt. Relativ neu ist der Bereich der generativen KI, die auf Basis einer großen Datenmenge u.a. Bilder, Videos oder Texte produzieren kann. Diskriminative KI hingegen, ordnet und interpretiert Daten anhand vorgegebener Kriterien, generiert aber keine neuen Inhalte.

Rasante Entwicklungen

Die Entwicklung von KI-Anwendungen schreitet derzeit sehr schnell voran. Was heute noch als KI gilt, ist morgen bereits veraltet, da sich die Entwicklungen teilweise selbst überholen. Dennoch ist es sinnvoll, sich dem Thema KI explorativ zu nähern und im Anwendungsprozess selber zu lernen; die eigene Iterationskompetenz zu schärfen. Bibliotheken sollten sich den neuen technologischen Entwicklungen nicht verschließen, sondern vielmehr die Möglichkeiten, die diese bieten, nutzen und der Gesellschaft zugänglich machen.

KI zielgerichtet einsetzen

Es geht nicht primär darum, dass KI alle Prozesse übernimmt. Vielmehr steht KI ähnlich wie andere Tools als unterstützende Technologie und als Werkzeug zur Verfügung. Ein zielgerichteter Einsatz kann zu einer deutlichen Arbeitsentlastung führen, indem anstrengende und langwierige Prozesse vereinfacht werden. Dies ermöglicht es, den Fokus wieder verstärkt auf die Bibliothek und ihre Nutzer*innen zu legen.
Aktuell gilt, wie bei den meisten digitalen Anwendungen, die alte Regel der Informatik: „Garbage in, Garbage out“. Diese beschreibt, dass in der Informatik falsche oder minderwertige Eingaben zu fehlerhaften Ausgaben führen. Im Fall von KI ist damit das sogenannte Prompting gemeint.

Iterationskompetenz als Schlüsselkompetenz im Zeitalter von KI

Iterationskompetenz beschreibt den sich wiederholenden Prozess von Eingabe und Ergebnisabgleich, mit dem Ziel ein gutes Endergebnis zu erzeugen. Im Wiederholprozess verändert, verfeinert und definiert sich die erneute Eingabe anhand des vorangegangenen Ergebnisses. Im Kontext von aktueller KI beschreiben wir damit also die Fähigkeit und den intrinsisch motivierten Prozess, ein auf der eigenen Eingabe beruhendes, zufriedenstellendes Endergebnis zu erzeugen – dem Prompting.

KI-Anwendungen in Bibliotheken

Wissenschaftliche Bibliotheken

Wissenschaftliche Bibliotheken testen und nutzen seit einigen Jahren Technologien, die der KI zuzurechnen sind. Sie betreffen Aspekte der maschinellen Erschließung von Werken (Texte wie Bilder), der Schrift- und Layouterkennung, technische Dialogsysteme (Chatbot ab den Nullerjahren), der geographischen Zuordnung von Bild- und Karteninformationen etc.

Öffentliche Bibliotheken

Angesichts der aktuellen Dynamik in der Entwicklung von KI-Tools gehen Öffentliche Bibliotheken oft noch sehr vorsichtig mit den aktuellen Tools um. Sie wagen sich, häufig auch aufgrund sehr restriktiver EDV-Regularien des jeweiligen Trägers, noch zu selten in diesen neuen Bereich.

Dennoch gibt es Beispiele, wie Öffentliche Bibliotheken KI bereits nutzen. KI-Tools werden als Unterstützung für die eigene Arbeitsorganisation eingesetzt, vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit. In Projekten der Medienbildung mit Schüler*innen werden Möglichkeiten und Grenzen von KI-Tools vermittelt. An Erwachsene richten sich Informationsveranstaltungen zum Thema.

KI-Unterstützung für die Arbeitsorganisation

KI-Tools können in der Öffentlichkeitsarbeit in vielen Bereichen unterstützen:

  • Bild: Grafikgenerierende KI kann Bilder für z.B. Veranstaltungen, Projekte oder sonstige nicht kommerzielle Angebote erstellen. 
  • Text: Textgenerierende KI kann bei der Formulierung von Veranstaltungsankündigungen oder Projektvorhaben unterstützen.
  • Audio: Audiogenerierende KI kann Texte in natürlich klingende Audiodateien umwandeln.
  • Video: Dieser Bereich ist der Öffentlichkeit ohne weitreichende Kenntnisse noch nicht zugänglich.

KI-Tools können auf viele Arten unterstützend in der Programmarbeit von Bibliotheken eingesetzt werden:

  • Entwicklung von Schreibvorlagen oder Skizzen 
  • Brainstormings zu Projektideen
  • Unterstützung bei Coding-Projekten
  • Entwicklung von Escape Games

KI-Tools können darüber hinaus in folgenden Bereichen hilfreich sein:

  • Erstellung von Leseempfehlungen für Nutzer*innen
  • Einführungen in die Bibliotheksbenutzung
  • Begleitung von Kreativprozessen (Schreibwerkstätten etc)
  • Lernbegleitung

Barrierefreiheit:

  • Abbau von Barrieren für Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen
  • Unterstützung bei Sprachbarrieren

KI für die interne Anwendung in Bibliotheken

Annif
Toolkit der Finnischen Nationalbibliothek zur automatisierten Sacherschließung,das über Verfahren des maschinellen Lernens Schlagwörter oder Notationen zu Dokumenten vorgeschlägt.

Automatisches Erschließungssystem
Projekt der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) im Rahmen des Netzwerk maschinelle Verfahren in der Erschliessung. Ziel ist, durch die Anwendung innovativer Methoden der Künstlichen Intelligenz für die Aufbereitung und Analyse von Texten und Metadaten, die Qualität maschineller inhaltlicher Erschließung weiter zu verbessern.

Automatisierung der Sacherschließung (AutoSE)
Die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft nutzt für ihr Projekt AutoSE das Toolkit Annif und entwickelt flankierend Mechanismen für Parameteroptimierung, Qualitätskontrolle und den Anschluss an die Metadatenworkflows der ZBW.

Mensch. Maschine. Kultur – Künstliche Intelligenz für das digitale Kulturelle Erbe
Umfangreiches Projekt der Staatsbibliothek zu Berlin, das KI-Verfahren u.a. in den Bereichen Dokumentenanalyse, Extraktion und Klassifizierung von digitalen Bildinhalten, Inhalts- und Sacherschließung nutzt.

Open Research Knowledge Graph (ORKG)
Der Open Research Knowledge Graph (ORKG) ist ein Dienst der TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften Universitätsbibliothek. Mit dem ORKG lassen sich Forschungsarbeiten Arbeiten leichter finden und vergleichen.

Schlüsselstellen
Das Projekt „Schlüsselstellen“ der Humboldt Universität Berlin beschäftigt sich mit der Identifizierung und Charakterisierung von Schlüsselstellen in literarischen Werken.

KI-Anwendungen für Bibliotheksdienstleistungen

  • Die Kölner Stadtbibliothek beschäftigt sich in ihrer Programmarbeit verstärkt mit dem Thema KI. An Erwachsene richten sich Digitale Werkstätten, in denen die Teilnehmenden nach einem kurzen Input selbst verschiedene KI-Tools ausprobieren können, sowie Abendveranstaltungen mit Expert*innen zum Thema. In Kürze steht allen Bibliotheksbesucher*innen ein frei nutzbares KI-Terminal mit der Bezahlversion von ChatGPT und Dall-E zur Verfügung. Für Schüler*innen der Mittelstufe bietet die Bibliothek Veranstaltungen an, in denen Grundlagen zur Funktionsweise von KI und zum Umgang mit verschiedenen Tools und Chatbots vermittelt werden. Auch hier gibt es Raum zum Ausprobieren und Anwenden der erlernten Regeln. Oberstufenschüler*innen unterstützt die Bibliothek mit Veranstaltungen beim Recherchieren für Facharbeiten und zeigt dabei die Möglichkeiten

  • Die Bibliothek Wirtschaft & Management der Technischen Universität Berlin unterstützt Studierende und Forschende mit verschiedenen Formaten beim Umgang mit KI. Bereits im April 2023 hat die Bibliothek den Leitfaden „Einsatz von künstlichen Intelligenzen in Abschlussarbeiten“ veröffentlicht. Der Leitfaden richtet sich an Studierende und zeigt am Beispiel von ChatGPT, wie KI beim wissenschaftlichen Arbeiten eingesetzt werden kann, wo die Grenzen sind und wie die Verwendung korrekt kenntlich gemacht wird. In Workshops für Wissenschaftler*innen führen Mitarbeitende der Bibliothek in die Verwendung von KI-Tools als Unterstützung im Forschungsprozess ein. Darüber hinaus organisieren sie Online-Vorträge, nehmen an Podiumsdiskussionen teil, beraten zum Thema und bieten Fortbildungen an, ein Selbstlernkurs ist in Planung.

ETHorama
Das Projekt ETHorama der ETH Zürich bietet einen geografischen Sucheinstieg zu historischen digitalisierten Dokumenten.

bavarikon
Internetportal des Freistaats Bayern zur Präsentation digitalisierter Kunst-, Kultur- und Wissensschätzen aus Einrichtungen in Bayern.

geoestimation
Das Tool der TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek demonstriert die automatische Schätzung des Aufnahmeortes von Fotos mit tiefen neuronalen Netzen (Deep Learning).

iART
Research-Tool der TIB, Universität Paderborn und Ludwig-Maximilians-Universität München für die Nutzung und Auswertung von Bilddaten in geisteswissenschaftlichen Forschungsprozessen.

Mensch. Maschine. Kultur – Künstliche Intelligenz für das digitale Kulturelle Erbe
Umfangreiches Projekt der Staatsbibliothek zu Berlin, das KI-Verfahren u.a. in den Bereichen Dokumentenanalyse, Extraktion und Klassifizierung von digitalen Bildinhalten, Inhalts- und Sacherschließung nutzt.

KI-Campus
Lernplattform für Künstliche Intelligenz des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft e.V. mit kostenlosen Online-Kursen, Videos und Podcasts

OpenHPI
Plattform mit kostenlosen Online-Kursen zu verschiedenen IT-Themen des Hasso-Plattner-Instituts

ALA E-Learning
Der amerikanische Bibliotheksverband ALA bietet auf seiner E-Learning-Plattform u.a. Kurse zum Thema KI.

Netzwerk Bibliothek Medienbildung
Informationen und Tipps zum Thema KI des dbv-Projekts Netzwerk Bibliothek Medienbildung

KI-Tools für die Literaturrecherche
Informationen und Linksammlung der Hochschule RheinMain

KI-Tools zur Unterstützung des wissenschaftlichen Arbeitens
Linkliste, zusammengestellt von Prof. Niels Van Quaquebeke, Kühne Logistics University

Redaktion und Kontakt
Texte
Frank Seeliger
Andreas Langer

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