„So vieles ist möglich in Bibliotheken: Begeistert euch!!!“

Ein Interview mit Sarah Wildeisen

Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin und einem Studium der Kunstgeschichte und Altgermanistik, arbeitete Sarah Wildeisen mehrere Jahre als freie Journalistin und rezensierte u. a. für die taz Kinder- und Jugendbücher, bis sie die Bibliothek als Arbeitsort für sich entdeckte. Sieben Jahre lang arbeitete sie als Bibliothekarin in einer Berliner Stadtbibliothek. Heute unterrichtet sie angehende Bibliothekar*innen an der HAW in Hamburg.

Sie haben zunächst als freie Journalistin gearbeitet und sind dann als Quereinsteigerin in eine Öffentliche Bibliothek gewechselt. Wie kam es dazu? Und was hat Sie an der Bibliothek als Arbeitsort gereizt?

Sarah Wildeisen: In meiner Tätigkeit als freie Journalistin habe ich viele verschiedene Öffentliche Bibliotheken besucht (u. a. bei Pressereisen des dbv) und habe sie als einzigartige Orte entdeckt, an denen fast unbemerkt von der Öffentlichkeit zahlreiche gute Veranstaltungen zur außerschulischen Leseförderung stattfinden. Das hat mir sehr gefallen, auch weil ich selbst in Kitas und an Grund- und Oberschulen Veranstaltungen zur Leseförderung und Literaturvermittlung durchführte. Deshalb habe ich mich dann auf eine Stelle mit diesem Themenfeld beworben, denn wo sonst kann man als Lese- und Literaturvermittlerin mit einem Faible für Kinder- und Jugendliteratur arbeiten?!

Wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag in der Bibliothek beschreiben? Gab es Dinge, die Sie überrascht haben? Und was waren für Sie die größten Herausforderungen bei der Arbeit?

Sarah Wildeisen: Ich war sehr überrascht über die Vielfalt an Aufgaben! Jeder Tag in einer Öffentlichen Bibliothek ist anders, je nachdem, ob man an dem Tag Kinderveranstaltungen durchführt, gerade eine riesige Lieferung mit neuen Medien kommt oder Abendveranstaltungen stattfinden. Man macht alles, vom Müll wegräumen, Stühle schleppen und Technikaufbau bis zur Veranstaltungsmoderation, vom Mitarbeiter*innengespräch über das Einarbeiten von Kindercomics bis hin zum Suchen möglicher Referatsthemen für verzweifelte Jugendliche. Die größte Herausforderung war es, auf der einen Seite die Veranstaltungsformate durchzuführen und zu verstetigen, die von den Kitas und Schulen erwartet und gewünscht werden, und auf der anderen Seite neue Trends aufzunehmen und neue Veranstaltungsformate zu kreieren, um stets aktuell zu sein. Öffentliche Bibliotheken stehen ja ständig unter Druck: Sie müssen ihre gesellschaftliche Relevanz nachweisen und gegen das verstaubte Bild von Bibliotheken ankämpfen.

Sie hatten auch Leitungsfunktionen in der Bibliothek, z. B. haben Sie als Fahrbibliotheksleiterin gearbeitet, und als Sachgebietsleitung der Kinder-, Jugend- und Schulbibliotheksarbeit. Falls Sie bei Bewerbungsgesprächen dabei waren: Was für Fähigkeiten waren da besonders wichtig? Was sollte jemand mitbringen, der oder die in einer Öffentlichen Bibliothek arbeiten möchte?

Sarah Wildeisen: Das ist sehr unterschiedlich, weil sich gerade Öffentliche Bibliotheken sehr stark in ihren personellen, finanziellen und räumlichen Möglichkeiten und ihrem Umfeld unterscheiden. Oft hört man: In Bibliotheken braucht man entweder Spezialist*innen oder Generalist*innen, aber ich sehe das anders, wir brauchen Generalist*innen, die aber auch noch mindestens eine Expertise mitbringen, z. B. im Bereich der Informationstechnologie oder in bibliothekspädagogischer Programmarbeit. Vor allem aber braucht es ein hohes Maß an sozialer Kompetenz, also Menschen, die gerne mit Menschen zu tun haben, ihre Fragen verstehen und sie unterstützen bei allem, was nötig ist, um Zugang zu Informationen zu bekommen.

Welche Chancen sehen Sie für Quereinsteiger*innen, in den Bereich einzusteigen?

Sarah Wildeisen: Das kommt ganz darauf an, um was für eine Stelle in welcher Art Bibliothek es geht. Da der Fachkräftemangel groß ist, scheinen sich die Bibliotheken auch für Leute zu öffnen, die nicht von Hause aus Bibliothekar*innen sind. Das klassische bibliothekarische Handwerkszeug, also die Formal- und Inhaltserschließung und das professionelle Recherchieren habe ich z. B. durch Weiterbildungen während meiner Tätigkeit in der Bibliothek gelernt, allerdings natürlich nicht auf dem Niveau, wie das studierte Bibliothekspersonal. Da die wenigsten Bibliotheken so groß sind, dass sie Abteilungen haben, in denen Menschen nur in einem bestimmten Bereich arbeiten, muss man damit rechnen, dass man wie alle anderen an der Servicetheke Dienst macht und Medien zurücksortiert, auch wenn man aufgrund einer bestimmten Expertise eingestellt wurde.

Haben Sie Tipps für Personen, die an einem Quereinstieg in die Bibliothek interessiert sind (und noch wenig Kontakte in die Bibliothek haben)?

Sarah Wildeisen: Ganz wichtig ist, dass man sich darüber klar wird, warum man in einer Bibliothek arbeiten möchte, was man dort erwartet und welches Bild von der Arbeit in einer Bibliothek man hat. Viele haben ein ganz falsches Bild vom Beruf der/des Bibliothekars*in. Als Besucher*in sieht man ja nur, was im öffentlichen Bibliothekbereich passiert und hat keine Vorstellung von der Arbeit hinter den Kulissen, damit meine ich nicht nur die Einarbeitung der Medien, sondern all das, was dafür getan wird, dass die Bibliothek einen Betrag dafür leistet eine Kultureinrichtung, aber auch eine Bildungseinrichtung zu sein: die Vernetzung im Kiez, das Ausloten, was Informationsgerechtigkeit und Zugang für alle bedeutet, das zu gestalten, was den Beitrag der Öffentlichen Bibliotheken zu Demokratie und Teilhabe darstellt.

Gibt es etwas, das Sie Ihren eigenen Student*innen mit auf den Weg mitgeben möchten?

Sarah Wildeisen: So vieles ist möglich in Bibliotheken: Begeistert euch!!!

Herzlichen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Sophie Zue am 13. Oktober 2020.

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