Die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek auf dem Weg zum Dritten Ort

Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek von außen. Ein roter, viergeschossiger Backsteinbau

Die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek in Kiel geht einen neuen Weg: Nach einem umfassenden Umbau wurde sie im September 2025 als Dritter Ort wiedereröffnet. Im Interview berichtet Bibliotheksdirektor Dr. Martin Lätzel über die Planungen und die Besonderheiten einer wissenschaftlichen Bibliothek, die sich als Dritter Ort einem breiteren Publikum öffnen möchte.

Blick in den Lesesaal der Schlewsig-Holsteinischen Landesbibliothek. An den Wänden hohe Bücherregale mit alten Büchern, in der Mitte mehrere kleine Tische mit Stühlen drum herum. Im Raum sitzen Menschen und lesen, einige stehen an den Bücherregalen.

Warum hat die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek sich auf den Weg zum Dritten Ort gemacht und was ist Ihre Vision?

Dr. Martin Lätzel: Den Prozess haben wir 2019 begonnen und es gab mehrere Auslöser dafür: Zum einen wollte der Eigentümer des Gebäudes, in dem die Landesbibliothek untergebracht ist, das Haus stärker öffnen und zugänglicher machen. Dazu muss man wissen, dass es sich um einen der letzten alten Hafenspeicher direkt an der Kaikante handelt. Zum anderen waren wir als Landesbibliothek dabei, uns inhaltlich neu auszurichten. Wie kann eine wissenschaftliche Regionalbibliothek zukünftig aussehen? Welche Rolle spielt die digitale Transformation und welche Dienste können wir für Bürger*innen und für andere Kultureinrichtungen anbieten? Das alles passte sehr gut zusammen.

Im Digitalisierungsprogramm der Landesregierung Schleswig-Holstein von 2018 wurde bereits beschrieben, dass die Landesbibliothek „ein zentraler Digitaler Knotenpunkt des Landes“ werden soll, „ein Ort, in dem Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Kultur und die Zivilisation erfahrbar werden.“ (Quelle). Der Koalitionsvertrag der Landesregierung von 2022 nahm dies ebenfalls auf (Quelle) und auch der Bibliotheksentwicklungsplan des Landes Schleswig-Holstein erkennt die große Bedeutung von Bibliotheken als physische Orte an (Quelle).

Auf dieser Grundlage haben wir unsere Idee der Landesbibliothek als Dritter Ort entwickelt. Die Bibliothek soll zum einen als zentraler Archivort für das kulturelle Erbe in Schleswig-Holstein die Landesgeschichte mit den eigenen Beständen für die breite Öffentlichkeit zugänglich machen. Zum anderen werden wir in unserer Funktion als Digitaler Knotenpunkt Digitalisierung erfahrbar machen und Raum zur Diskussion über den technischen Fortschritt bieten. Wir möchten drittens ein demokratischer Begegnungsort sein, an dem Themen der Vergangenheit und der Zukunft verhandelt werden. Unser Ziel ist es, über das Kernpublikum wissenschaftlicher Bibliotheken hinaus, ein breites Publikum anzusprechen.

Wie sind Sie bei der Planung Ihres Dritten Orts vorgegangen?

Bibliotheksraum der Landesbibliothek mit einem langen Tisch, der auf einem Teppich steht, darum mehrere Stühle. Im Hintergrund Fenster und Bücherregale an den Wänden.Lätzel: Wir haben bei der Planung des Umbaus auf breite Beteiligung gesetzt und von Beginn an sowohl die Mitarbeitenden, die Eigentümer aber auch Nutzende mit eingebunden. In einem Designworkshop mit dem niederländischen Büro Includi Aat Vos wurden Ideen gesammelt, die dann in unterschiedlichen Stadien u.a. mit Studierenden in Kiel, mit einer Schulklasse, mit der Landesverwaltung und weiteren Nutzenden diskutiert wurden. Im damaligen Lesesaal wurden die Pläne für den Umbau schließlich ausgestellt und die Besuchenden hatten die Möglichkeit, diese zu kommentieren.

Wichtig war uns zum einen, das Gebäude stärker zur Stadt hin zu öffnen, eine konsequente Barrierefreiheit umzusetzen, sowie eine hohe Aufenthaltsqualität auch für fachfremde Besucher*innen zu ermöglichen. Wie kann man eine Atmosphäre schaffen, dass sich Menschen zuhause fühlen, obwohl sie nicht zuhause sind? Außerdem sollten sich auch die Themen, für die wir als Landesbibliothek stehen, in der Gestaltung widerspiegeln.

Auf welche Widerstände sind sie unterwegs gestoßen? Gab es Bedenken, eine wissenschaftliche Bibliothek stärker zu öffnen?

Lätzel: Die Widerstände waren vielfältig. Was den Charakter einer wissenschaftlichen Bibliothek angeht, so betreten wir deutschlandweit Neuland. Viele Wege sind noch nie beschritten worden und wir mussten uns selbst orientieren. Die bewährten Nutzer*innen waren ja mit der Einrichtung zufrieden, für sie war – nachvollziehbar – nicht erkennbar, warum Tradiertes geändert werden soll. Wir hoffen, sie jetzt mit unserer neuen Optik überzeugen zu können. Was weitere Widerstände angeht, so möchte ich eine Fülle von Regulierungen und Vorgaben nennen, die wir in Deutschland haben. Wir haben am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, angesichts dieser vielen Vorschriften innovative Ideen umzusetzen.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen einer wissenschaftlichen und einer Öffentlichen Bibliothek als Dritter Ort?

Lätzel: Ein wichtiger Unterschied ist sicher, dass wir als wissenschaftliche Bibliothek auch wertvollen historischen Bestand haben, der nur in einem eigenen Lesesaal eingesehen werden darf. Anders als sonst an einem einen Dritten Ort muss dieser abgeschlossen und überwachbar sein. Es wird im Haus also unterschiedliche Zonen geben, mit Räumen zum konzentrierten Arbeiten, die auch überwacht sind, sowie offenen Bereichen mit der Möglichkeit zum Austausch.

Außerdem haben wir als Landesbibliothek einen ganz klaren thematischen Fokus, zum einen die Landeskunde und Regionalgeschichte Schleswig-Holsteins und zum anderen das Thema Digitalisierung.

Trotz dieser Unterschiede ist das Konzept des Dritten Ortes aber eines das zeigt, wie viel Öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken auch gemeinsam haben und was sie verbindet.

Mit welchen Themen und Formaten möchten Sie neue Gruppen von Nutzer*innen ansprechen?

Eingangsbereich der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek mit Sofas und Tischen an denen Menschen lesen und Kaffee trinken.Lätzel: Das sind vielfältige und wir sind in einem Prozess. Wir werden natürlich Vorträge anbieten, Führungen, neue Formate wie Talks, Transkriptionscafés. Einen besonderen Fokus legen wir auf Schulklassen, denen wir Führungen analog zum Unterrichtsstoff anbieten. Und, ehrlich gesagt, wenn wir die Idee des Dritten Ortes ernst nehmen, dann bieten wir schlicht einen Raum an. Und es wird selbstverständlich werden, einfach reinzukommen – und nichts zu tun.

Worauf freuen Sie sich am meisten wenn die Bibliothek nach dem Umbau wieder öffnet?

Lätzel: Da gibt es eine ganze Menge. Auf viele neue Gäste, auf spannende eigene oder fremde Veranstaltungen, auf das neu gestaltete Café im Erdgeschoss, auf eine Optik, die nicht mehr von Baustellenelementen geprägt ist und vor allem freuen wir uns auf jede Menge Anfragen von interessierten Kolleg*innen aus ganz Deutschland – die wir von Herzen an der Kieler Förde willkommen heißen! Wir freuen uns auf Menschen.

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