Rassismuskritische Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit

Stadtbibliotheken aus mehreren Berliner Bezirken, aus Bremen, München, Köln, Heilbronn und Jena haben 2022 im Rahmen des Programms „360°-Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft“ der Kulturstiftung des Bundes das Praxisnetzwerk zu rassismuskritischer Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit gegründet. Seitdem diskutiert eine Gruppe von Kinder- und Jugendbibliothekar*innen zusammen Handlungsstrategien u.a. zu einer diversitätsorientierten und rassismuskritischen Bestandsentwicklung der Kinder- und Jugendmedien. Über 20 Bibliotheken aus ganz Deutschland sowie aus Wien sind inzwischen Teil des Netzwerks. Schwerpunktthemen sind der Umgang mit diskriminierenden Inhalten in der Kinder- und Jugendliteratur sowie die Sichtbarmachung von Diversität im Bestand.
In diesem Spotlight geben Mitglieder des Netzwerks in Praxisbeispielen Einblicke in ihre Arbeit.
Konzepte und Leitbilder
Konzept zu Umgang mit kritischen Medien der Bücherhallen Hamburg
Die Bücherhallen Hamburg haben ein Konzept zum Umgang mit kritischen Medien erarbeitet. Als Hinweis auf diskriminierende Inhalte in Kindermedien wird ein Aufkleber mit dem Disclaimer „Rassistische Inhalte” und einem QR-Code, der auf das Leitbild „Medienbestand” verweist, in die Medien geklebt. Das Leitbild bietet dabei eine große Hilfestellung, da es eine klare Positionierung zur demokratischen Grundordnung und gegen Diskriminierung beinhaltet. Mithilfe eines internen Meldeformulars kann das Kollegium kritische Medien niedrigschwellig melden.
Literatur:
Anne Barckow: Von der Kommunikation per Post-it zum Leitbild Medienbestand. In: Praxishandbuch Medien an den Rändern. DeGruyter, 2024
Partizipative Erarbeitung eines diversitätsorientierten Leitbilds der Stadtbibliothek Pankow (2021-2024)
Die Stadtbibliothek Pankow hat ein Leitbild partizipativ erstellt mit dem Ziel, ihren diversitätsorientierten Öffnungsprozess voranzutreiben. Der Prozess war bewusst mehrjährig und sehr intensiv gestaltet, mit vier Workshops an jedem der acht Standorte. Jeder Standort hat seinen finalen Workshop für Partner*innen, Stadtteilbewohner*innen und Nutzer*innen geöffnet. Das Leitbild wird als Grundlage genutzt, um werteorientiert und stimmig Entscheidungen zu treffen und die Maßnahmen und Strategie der Bibliothek zu planen.
Literatur:
Chahed et al: „Leitbilder für Vielfalt, Beteiligung und Antidiskriminierung“, Stiftung SPI: Sozialpädagogisches Institut „Walter May“, 2023
Beinhaltet das Praxisbeispiel aus Pankow (S. 33-39), welches von der Stiftung SPI eng begleitet wurde.
Anna Zosik & Kathrin Mergel (Redaktion und Konzeption): „Diversitätskompass: Wie können Kulturinstitutionen diverser werden? Erfahrungen aus dem 360°-Programm“, Kulturstiftung des Bundes, 2023.
Hier geht es allgemein über ganzheitliche, diversitätsorientierten Öffnungsprozesse. Auf den Seiten 44-47 wird den Aspekt „Organisation und Struktur“ beleuchtet, mit dem Leitbild als ein Aspekt.
Kennzeichnung von Medien
Diversity Check in der Stadtbücherei Augsburg
In einem Kooperationsprojekt mit der Stadtbücherei Augsburg setzen sich Studierende der TH Augsburg unter wissenschaftlicher Anleitung in rassismuskritischer Weise mit Kinderbüchern auseinander. Die Ergebnisse werden für die interessierte Öffentlichkeit aufbereitet. Ausgewählte Kinderbücher werden dabei anhand eines Kriterienkatalogs rassismuskritisch beurteilt. Über QR-Codes auf den analysierten Büchern gelangt man auf Hinweise, ob bestimmte Inhalte diskriminierend sind, oder umgekehrt, welche Bücher aus einer rassismuskritischen Perspektive empfehlenswert sind.
Kennzeichnung von diskriminierenden Medien durch einen QR-Code in der Stadtbibliothek Stuttgart
Die Stadtbibliothek Stuttgart klebt einen QR-Code in geprüfte Bücher, um zu kennzeichnen, dass der Inhalt des Mediums verletzend oder diskriminierend sein kann. Der QR-Code führt auf eine Internetseite, die weiterführende Informationen zu der Maßnahme, zur Haltung der Stadtbibliothek Stuttgart bei der Medienerwerbung und zu Rassismus und Diversität gibt.
Kennzeichnung von Medien mit queeren Inhalten in der Münchner Stadtbibliothek
Die Stadtbibliothek München kennzeichnet Titel mit queeren Inhalten durch eine Regenbogenfahne am Buchrücken, damit beim Blick auf die Regale auf Anhieb gesehen werden kann, welche unserer Medien queere Inhalte haben. Die Inhalte sind inhaltlich rein formal erschlossen, es handelt sich nicht um Leseempfehlungen. Durch die Kennzeichnung sind queere Titel im Regal besser auffindbar, das Schlagwort LGBTQIA* im Katalog ermöglicht queere Titel zu recherchieren. Zusätzlich dazu fühlen sich queere Menschen durch die Sticker in der Bibliothek willkommen, dies haben Rückmeldungen aus der Community ergeben.
Diversitätsempfehlungen für Kinder- und Jugendliche der Münchner Stadtbibliothek
Kinderbücher mit diversitätssensiblen und diskriminierungskritischen Inhalten werden in der Münchner Stadtbibliothek durch den Sticker „Medientipp Diversität“ gekennzeichnet und im Katalog als Medienliste zu Diversität präsentiert. Ziel ist es, marginalisierten Kindern Geschichten zu präsentieren, mit denen sie sich identifizieren können. Nebeneffekt ist die Sensibilisierung von Pädagog*innen, Eltern und anderen Interessierten Personen. Der Medientipp Diversität wurde unter Einbeziehung von Community-Vertretungen entwickelt.
Weitere Praxisbeispiele
Lebendige Bibliothek der Stadtbibliothek Rottweil
In der lebendigen Bibliothek der Stadtbibliothek Rottweil leihen Interessierte keine Bücher aus, sondern hören aus erster Hand Geschichten von Menschen. Es entstehen 20-Minütige eins-zu-eins Gespräche. Die Themen sind bewusst inhaltlich und erfahrungsbezogen gewählt z.B. Ehrenamt, Kommunalpolitik, Pflege, Kultur. Die erzählenden Menschen blicken aus unterschiedlichen Identitäten und Perspektiven auf die Themen, die sich dadurch in ihrer Vielfalt darstellen. Marginalisierte Personen wie z.B. Geflüchtete sind ebenfalls eingeladen ihre Geschichten zu teilen aber nicht, um über ihre Flucht zu berichten, sondern weil sie aufgrund ihrer Flucht eine bestimmte Perspektive auf das jeweilige Thema haben. Die auf diese Weise durchgeführte Lebendige Bibliothek ist diskriminierungskritisch. Sie versteht Begegnung als dialogischen Prozess auf Augenhöhe und schafft Raum für Gespräche. Menschen teilen ihre Perspektiven selbstbestimmt und in ihrem eigenen Rahmen. Dabei werden Erfahrungen nicht ausgestellt, sondern freiwillig geteilt.
Die Stadtbücherei Rottweil kooperiert für die Lebendige Bibliothek mit dem Evangelischen Bildungswerk Südwestwürttemberg und der Katholischen Erwachsenenbildung Rottweil.
Blogprojekt „Diskriminierung im Kinderbuch“ der Münchner Stadtbibliothek
Diskriminierung im Kinderbuch wird immer wieder heiß diskutiert, auch die Münchner Stadtbibliothek setzt sich damit auseinander. In der Blogreihe „Diskriminierung im Kinderbuch“ sind Beiträge zusammengestellt, die in die Thematik einführen. Es gibt allgemeine Artikel zu bestimmten Motiven z.B. zur sogenannten „Indianerliteratur“ aber auch Artikel, die sich mit bestimmten Klassikern auseinandersetzen (z.B. Jim Knopf, Pippi Langstrumpf, das kleine Gespenst). Die Klassiker bekommen den Aufkleber „Wichtig zu wissen“ mit einem QR-Code, der direkt auf die Blogsektion mit den Artikeln führt. Das Projekt wurde im Rahmen des 360°-Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft der Kulturstiftung des Bundes gefördert.
Regal zum Thema Diversität in der Stadtbibliothek Stuttgart
Die Kinderbibliothek Stuttgart hat eine dauerhafte Medienausstellung zum Thema „Diversität in unserer Gesellschaft“ eingerichtet. Hier werden immer wieder wechselnde Bücher zum Thema ausgestellt. Ziel ist, den Medien mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Workshop „Vielfältig wie du“ in der Stadtbibliothek Spandau
Die Welt, in der Kinder heute aufwachsen ist vielfältig – im eigenen Erleben der Welt, und genauso beim Spielen und Lernen mit Mitmenschen. Die Stadtbibliothek Spandau bietet diesen Kinder-Workshop mit Anastacia Wairimu Ng’ang’a an, in dem die Kleinsten spielerisch und mit viel Spaß erleben, wie bereichernd Vielfalt ist, und dass gegenseitige Empathie der Boden für schöne Erlebnisse ist. Der Workshop wird in Kooperation mit dem Verein Swahili Swahili e.V. durchgeführt und richtet sich an Kita-Gruppen. Er besteht aus drei Phasen: Vorlesen und Gespräch, Kinderlied und Tanz sowie einer Spiel-Phase.
Anne Barckow: „Von der Kommunikation per Post-it zum Leitbild Medienbestand.“ In: Praxishandbuch Medien an den Rändern. DeGruyter, 2024
Chahed et al.: „Leitbilder für Vielfalt, Beteiligung und Antidiskriminierung“, Stiftung SPI: Sozialpädagogisches Institut „Walter May“, 2023.
Julia Hauck, Silvia Linneberg (Hrsg.): „Diversität in Bibliotheken. Theorien, Strategien und Praxisbeispiele.“ De Gruyter, 2022.
Judith Stumptner, Sarah Hergenröther et al.: „Im Auge des Sturms. Eine Drag-Lesung für Kinder sorgt für deutschlandweite Aufregung.“ In: BuB 75 11/2023
Charlotte Webber, Kayleigh Bohan, Sarah McGeown et. Al: “Beyond books: High school librarians as champions of pupil inclusivity, autonomy, and reader development”, Journal of Librarianship and Information Science 57/3, 2024.
Anna Zosik & Kathrin Mergel (Redaktion und Konzeption): „Diversitätskompass: Wie können Kulturinstitutionen diverser werden? Erfahrungen aus dem 360°-Programm“, Kulturstiftung des Bundes, 2023.
Bibliotheken, die ihren Bestand erweitern und rassismuskritische Kinder- und Jugendbücher anschaffen möchten, finden Anregungen in verschiedenen Zusammenstellungen passender Medien.
Im Projekt „Diversity Check“ der TH Augsburg in Kooperation mit der Stadtbücherei Augsburg wurden mehrere Kinderbücher analysiert. Die Bewertungen sind auf der Projektseite online einsehbar. Darunter sind auch viele Bücher, die aus einer rassismuskritischen Perspektive empfehlenswert sind.
Projektwebseite Diversity Check
Im Katalog der Münchner Stadtbibliothek gibt es unter dem Menüpunkt „Medienlisten“ die Möglichkeit, tematische Medienlisten aufzurufen. Unter dem Stichwort „Diversität“ finden sich Listen für Kinder- und Jugendmedien.
Katalog der Münchner Stadtbibliothek
Der Verein Baobab Books gibt das Empfehlungsverzeichnis „Kolibri – Kulturelle Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern“ heraus, das kostenpflichtig über den Arbeitskreis für Jugendliteratur AKJ bestellt werden kann. Die Empfehlungen sind auch über eine Datenbank auf der Website von Baobab Books zugänglich
Datenbank der Kolibri-Empfehlungen
Die Schwarze Kinderbibliothek aus Bremen veröffentlicht u.a. auf ihrer Instagramseite regelmäßig Buchtipps.
Website der Schwarzen Kinderbibliothek
Das britische Projekt „Inclusive Books for children“ führt auf seiner englischsprachigen Webseite hunderte inklusive Bücher für Kinder auf, die nach verschiedenen Kriterien filterbar sind.
Webseite Inclusive Books for Children
Projekt „Diversity in Children’s books”
Das Projekt „Diversity in Children’s Books” des Goethe Instituts hat zum Ziel, die Vielfalt im Nahen Osten und in Nordafrika durch die Kraft von Kinderbüchern zu fördern und zu feiern. Geschichten können kulturelle Identitäten vermitteln und Kinder in der Region dazu anzuregen, ihre eigenen Geschichten zu sehen und wertzuschätzen. Das Projekt bringt Autor*innen und Illustrator*innen aus fünf Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas zusammen: Jordanien, Irak, Palästina, Marokko und Ägypten. Diese Autor*innen-Illustrator*innen-Paare arbeiten gemeinsam an lokalen und regionalen Kindergeschichten, die die reiche kulturelle und soziale Vielfalt ihrer jeweiligen Länder widerspiegeln.
Free To Be Me
Die irische Organisation Children’s Books Ireland hat die Broschüre „Free to be me” veröffentlicht, in der Bücher für Kinder von 0 bis 18 Jahren empfohlen werden, die Diversität, Repräsentation and Inklusion hervorheben.
Norwegen
Die Deichmann-Bibliothek in Oslo hat eine antirassistische Leseliste veröffentlicht. Die Bücher sollen sowohl Kindern als auch Erwachsenen ein besseres Verständnis dafür vermitteln, was Rassismus ist und wie er erlebt wird. Die Liste enthält Belletristik und Sachbücher mit norwegischer und globaler Perspektive.
Antirassistische Leseliste der Deichmann-Bibliothek
Schottland
Antirassismus und racial equality waren 2022 bis 2024 zentraleThemen des Scottish School Library Improvement Fund (Schottischer Fonds zur Verbesserung von Schulbibliotheken). Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 39 Projekte in Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen in ganz Schottland gefördert. Die Folgenden Beispiele zeigen exemplarisch die Bandbreite der geförderten Projekte.
Widening the Pitch, Aberdeenshire
Das Projekt bezog Schüler*innen mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen durch ein fußballorientiertes Literaturprogramm ein. Ziel war es, die Lese- und Schreibfähigkeiten sowie das Wohlbefinden der Schüler*innen zu verbessern, aber auch das Verständnis für Themen rund um race und Vielfalt durch die Geschichten von Fußballern unterschiedlicher Herkunft und Nationalität zu fördern. Die Schüler*innen nahmen an einer Autor*innenveranstaltung teil, besuchten einen lokalen Fußballverein, wo sie einen der Spieler interviewten, und lasen gemeinsam ein Buch über den Fußballspieler Marcus Rashford, in dem sie über die Überwindung von Barrieren und die unfairen und rassistisch motivierten Beschimpfungen diskutierten, denen der Spieler ausgesetzt war. Das Projekt hatte einen erheblichen Einfluss auf die teilnehmenden Schüler*innen: Ihre Lese- und Schreibkompetenz verbesserte sich deutlich, ihr Interesse am Lesen stieg und sie setzten sich mit Themen der racial equality auseinander. Dieses Projekt verband auf einzigartige Weise Lesen und Fußball und war so beliebt, dass die Schüler*innen darum baten, es im nächsten Jahr fortzusetzen und andere Schulbibliotheken in der Stadt planen, das Konzept zu übernehmen.
Artikel über das Projekt: Fraserburgh Academy pupils get Pittodrie VIP treatment
East Lothian Black History, East Lothian
Das Projekt ermöglichte es den Schüler*innen, die Geschichte von People of Colour in der Region East Lothian zu erforschen sowie die Beteiligung der Region an Sklav*innenhandel und Kolonialismus und dessen Folgen bis heute aufzudecken. Die Schüler*innen nahmen am Edinburgh Black History Walk teil und lernten die Geschichte verschiedener Orte kennen, darunter das Gebäude der Royal Bank of Scotland, das mit Gewinnen aus Sklav*innenplantagen erbaut wurde. Anschließend nahmen die Schüler*innen einen Podcast auf. Die Schulbibliothekarin organisierte im Laufe des Jahres mehrere weitere Lernangebote.
In einer weiteren Veranstaltung lernten die Schüler*innen vom lokalen Geschichtsbeauftragten, wie man die Geschichte der Schwarzen in East Lothian recherchiert.
Diese Veranstaltungen regten Diskussionen zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen über die verborgenen Geschichten ihres Wohnortes an. Die Schulbibliothekarin bezog die Schüler*innen in eine Diversitätsprüfung und die Auswahl neuer Bibliotheksbestände ein. Viele der Schüler*innen haben sich aufgrund dieses Projekts für das Fach „Higher History” entschieden und ein Gleichstellungs- und Inklusionskomitee an ihrer Schule gegründet.
Reading Around the World, Inverclyde
Dieses Projekt hatte zum Ziel, die Leselust und die Lesefähigkeiten von leseunwilligen Kindern zu steigern und gleichzeitig Vielfalt, racial equality und die Integration von Familien zu fördern, die neu in Schottland sind. Im Rahmen des Projekts wurde in Zusammenarbeit mit örtlichen Kindergärten und Familien, die neu in Schottland sind, ein Lesepat*innenprogramm ins Leben gerufen. Schüler*innen der ersten Klasse der Sekundarschule wurden als Lesepat*innen für Kinder im Kindergartenalter eingesetzt. Die Bibliothek stellte eine vielfältige Sammlung von Bilderbüchern und „Geschichten-Tüten“ zusammen, mit denen die Schüler*innen verschiedene Kulturen kennenlernen konnten. Die Inhalte der „Geschichten-Tüten“ wurden auf Grundlage der Vorschläge der Schüler*innen ausgewählt. Die Schüler*innen arbeiteten bei ihren Besuchen in den Kindergärten mit Babys, Kleinkindern und Vorschulkindern zusammen, wodurch sie lernen konnten, geeignete Texte auszuwählen und mit Kindern unterschiedlichen Alters und Entwicklungsstadien zu interagieren. Sie wurden zu Vorbildern für jüngere Schüler*innen und bildeten später die nächste Gruppe von Lesepartner*innen aus.
Traditioal Tales – Geschichten sammeln mit Roma-Communities, Glasgow
Das Projekt zielte darauf ab, die Lese- und Schreibfähigkeiten von Kindern aus der Roma-Community in Govanhill zu verbessern, indem traditionelle Geschichten gesammelt wurden, die den Kindern und Familien vertraut sind, und die lebendige Tradition des mündlichen Erzählens schottischer und europäischer fahrender Familien gewürdigt wurde. Die Schüler*innen tauschten untereinander die ihnen bekannten Geschichten aus, die in einem mehrsprachigen Buch mit traditionellen Geschichten zusammengestellt und später gedruckt und verteilt wurden.
Durch die Zusammenarbeit mit Geschichtenerzähler*innen, Illustrator*innen und Vertreter*innen der Community konnten die Schüler*innen erleben, wie ein Buch von der Konzeption bis zur Veröffentlichung entsteht, und erhielten Einblicke in mögliche Berufe und Tätigkeiten, die mit diesem Prozess verbunden sind. Das Projekt stärkte das Bewusstsein der Schüler*innen für ihre Kultur und gab ihnen die Möglichkeit, einen Aspekt ihres Lebens mit der breiteren Gemeinschaft zu teilen. Es führte auch zu einer deutlichen Zunahme des Engagements der Gemeinschaft für die Schule.
Tay See Oorsels, Dundee
Die Mittel für dieses Projekt wurden für persönliche und virtuelle Autor*innenbesuche sowie für eine neue große Sammlung vielfältiger Bücher verwendet. Das Projekt zielte darauf ab, den Schüler*innen eine Reihe vielfältiger Texte näherzubringen, damit sie sich in den Büchern, die sie zum Vergnügen lesen, wiederfinden können. Dies war erfolgreich, da einige Lernende der Schulbibliothekarin ausdrücklich sagten, dass sie ein Buch ausgeliehen hätten, weil „die Figur [auf dem Cover] mir ähnlich sieht“. Daten aus dem Bibliotheksverwaltungssystem zeigten, dass drei der zehn beworbenen Titel in der Projektphase zu den fünfzehn meistausgeliehenen Titeln gehörten. Dies ist umso erstaunlicher, da die Daten aus dem sechsmonatigen Zeitraum vor dem Projekt keinen Titel mit einer ethnischen Minderheit als Repräsentant zeigten. Die Ausleihe hat insgesamt zugenommen, wobei viele Schüler*innen neue und aktuelle Bücher als Grund dafür nannten. Die Daten zeigten auch einen Anstieg der Zahl der Lernenden aus ethnischen Minderheiten sowohl während als auch nach dem Projektzeitraum im Vergleich zur Zeit vor dem Projekt, was darauf hindeutet, dass diese Lernenden nun Zugang zu mehr Büchern haben, die sie ansprechen.
Tackling Discrimination and Fostering Empathy, Aberdeenshire
Das Projekt wurde als Reaktion auf die weit verbreitete Verwendung diskriminierender Sprache ins Leben gerufen, die dem Schulpersonal aufgefallen war. Es zielte darauf ab, Inklusion und respektvolles Verhalten durch gemeinsames Lesen und kreativen Ausdruck zu fördern, wobei ein Schwerpunkt darauf lag, die Schüler*innen zu ermutigen, diskriminierendes Verhalten zu hinterfragen und Empathie zu entwickeln.
Die Klassen lasen und diskutierten im Laufe eines Schulhalbjahres mehrere Bücher. Nach der Lektüre drehten die Schüler*innen ein Video über ein ausgewähltes Buch.
Der Prozentsatz der Schüler*innen, die angaben, „sehr“ oder „eher bereit“ zu sein, diskriminierendes Verhalten anzusprechen, stieg nach dem Projekt von 19,3 % auf 56,8 %, und viele gaben an, dass sie ein besseres Verständnis für die Herausforderungen gewonnen hätten, denen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund gegenüberstehen.
Literatur
Charlotte Webber, Kayleigh Bohan, Sarah McGeown et. Al: “Beyond books: High school librarians as champions of pupil inclusivity, autonomy, and reader development”, Journal of Librarianship and Information Science 57/3, 2024.
