„Man hat wirklich das Gefühl, hier etwas Sinnvolles zu tun“

Ein Interview mit Indra Heinrich

Nach einem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften an der FU Berlin und einem Bibliotheksreferendariat an der Staatsbibliothek zu Berlin arbeitet Indra Heinrich dort heute als Fachreferentin. Sie betreut die Fachreferate Kunst sowie Theater, Tanz und Film und leitet zudem das Sachgebiet Fernleihe und Dokumentenlieferung. Daneben engagiert sie sich seit Jahren für den VDB-Regionalverband Berlin-Brandenburg.

Sie arbeiten an der Staatsbibliothek in zwei verschiedenen Aufgabebereichen. Was genau sind das für Bereiche, und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Indra Heinrich: Aufgrund meiner unterschiedlichen Aufgabengebiete ist mein Arbeitsalltag ist sehr vielfältig.

Auf der einen Seite habe ich die klassischen Aufgaben einer Fachreferentin für die Fächer Kunst sowie Theater, Tanz und Film. Das bedeutet zuallererst die Erwerbung. Das heißt, ich wähle aus den weltweiten Nationalbibliografien die Titel aus, die wir für meine betreuten Fächer kaufen wollen. Über das Jahr gesehen kommen bei mir schon einige Bücher zusammen. Wenn diese dann hier vor Ort sind, übernehme ich die Sacherschließung, also die inhaltliche Erschließung und Verschlagwortung der einzelnen Titel.

Daneben gehören zu den üblichen Aufgaben von Fachreferent*innen unterschiedliche Vermittlungs- und Serviceaktivitäten: beispielsweise Anfragen beantworten, Workshops vorbereiten und durchführen oder andere Maßnahmen im Bereich Informationskompetenzvermittlung. Nächste Woche gebe ich z. B. einen Workshop zum Thema Projekt- und Zeitmanagement. Das sind die Fachreferatsaufgaben. 

Darüber hinaus bin ich aber eben auch noch Sachgebietsleiterin der Fernleihe, d. h. ich leite eine Organisationseinheit mit zehn Mitarbeiter*innen. Ich habe also parallel zum Fachreferat eine Führungsaufgabe und manage den Bereich Fernleihe und Dokumentenlieferung. Hier stehen Kommunikation mit den Mitarbeiter*innen, Optimierung der Abläufe, aber auch viele technische Angelegenheiten und Fragen auf der Tagesordnung.

Einen festen Tagesablauf gibt es also bei mir nicht, da meine Aufgaben immer auch unterschiedliche Tagesgestaltungen erfordern. Gleichzeitig bin ich bei meiner Zeiteinteilung sehr flexibel und habe kein straffes, vorgegebenes Muster. Aber natürlich ist mein Tag oft von vielen Besprechungen mit Kolleg*innen wie Mitarbeiter*innen sowie der organisatorischen Lösung von allen größeren und kleineren Problemen, die so auftauchen, geprägt.

Was sind die größten Herausforderungen im Arbeitsalltag? Was hat Sie vielleicht auch überrascht, als Sie angefangen haben, in der Bibliothek zu arbeiten?

Indra Heinrich: Ich habe mich schon relativ früh in meinem Studium mit dem Bibliothekswesen als möglichem Arbeitsfeld auseinandergesetzt und viele Praktika in diesem Bereich gemacht. Dadurch habe ich den Arbeitsalltag frühzeitig kennengelernt und wusste schon relativ gut, was auf mich zukommt. Im Referendariat wird man dann ja auch noch einmal in alle Abteilungen eingeführt und bekommt einen sehr guten Überblick über sämtliche Bereiche einer Bibliothek.

Insofern war mir klar, dass Bibliotheken sehr vielfältige Arbeitsorte sind. Man kann sich hier ganz unterschiedliche Schwerpunkte aussuchen, wenn man das möchte: Manche Kolleg*innen sind fachlich stark auf bestimmte Themen oder Materialien spezialisiert, andere haben sich in den IT-Bereich hineinentwickelt und wieder andere sind zum Beispiel in die Richtung Organisation und Führung gegangen. Die Möglichkeiten sind hier kaum begrenzt.

Aber eine Sache hätte ich doch so nicht erwartet: Projektarbeit ist in Bibliotheken ein ganz großes Thema. Ich habe sehr viel in diesem Bereich gearbeitet. Beispielsweise habe ich direkt nach meinem Referendariat zusammen mit mehreren Kolleg*innen ein Online-Portal zu E.T.A. Hoffmann aufgebaut.

In Ihrem ersten Studium haben Sie Literatur- und Theaterwissenschaften studiert. Wie sind Sie auf die Bibliothek als Arbeitsort gekommen? Und wie kam es zu dem Entschluss, ein Bibliotheksreferendariat zu absolvieren?

Indra Heinrich: Tatsächlich hatte ich schon zu Beginn meines Studiums das Gefühl, dass das Bibliothekswesen ein geeignetes Arbeitsumfeld für mich sein könnte. Während des Bachelorstudiums hatte ich nach Beratungsgesprächen zu möglichen Berufsfeldern relativ schnell versucht, durch Praktika Erfahrungen im Bibliotheksbereich zu sammeln.

Gerade bei einem geisteswissenschaftlichen Studium ist es aus meiner Sicht wichtig, sich frühzeitig Gedanken über mögliche Arbeitsfelder zu machen. Denn Geisteswissenschaftler*innen können in vielen Bereichen arbeiten, brauchen dafür aber oft zusätzliche Fähigkeiten oder Arbeitserfahrungen.

Ich persönlich wusste kurz vor meinem Bachelorabschluss, dass ich versuchen möchte, im Bibliothekswesen Fuß zu fassen. Ich habe daraufhin systematisch mehrere Praktika absolviert und damit die Hoffnung verbunden, dass ich mich dadurch für ein Bibliotheksreferendariat qualifizieren kann.

Im Nachhinein überrascht es mich selbst, wie gut das am Ende geklappt hat. Denn es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Stellen für ein Bibliotheksreferendariat, sodass eine entsprechende Zusage schon so etwas wie ein „Sechser im Lotto“ ist. Dass ich dann auch noch sehr zeitnah und inhaltlich so nah an meinem ursprünglichen Studium eine Stelle gefunden habe, hätte ich im Vorfeld nicht erwartet.

Wie läuft denn die Bewerbung für so ein Referendariat ab? Und wie ist das Referendariat selbst aufgebaut?

Indra Heinrich: Es werden jährlich Stellen ausgeschrieben. Referendariate sind aber relativ selten und haben meistens einen fachlichen Zuschnitt. Die Bibliotheken suchen beispielsweise Mathematiker*innen oder Germanist*innen, die sich dann auf die Ausschreibungen bewerben können. In meinem Fall war die Stelle sehr breit ausgeschrieben. Die Staatsbibliothek hat ja einen geistes- und sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt. Deswegen schreibt die Bibliothek auch immer in dem Bereich aus.

Das Referendariat ist wirklich ein Nadelöhr. Denn auf eine Stelle bewerben sich manchmal mehrere hundert Personen. Um so eine Stelle zu bekommen, braucht man also auch ein bisschen Glück.

Danach durchläuft man im Grunde eine zusätzliche Ausbildung. Zusammen mit vier weiteren Mitreferendar*innen absolvierte ich damals zunächst ein praktisches Jahr in der Staatsbibliothek. Hier haben wir den gesamten Ablauf der Bibliothek einmal kennengelernt und in die einzelnen Abteilungen hineingeschnuppert: von der Bestandserhaltung über die Katalogisierung bis zum Fachreferat.
Im Anschluss daran sind wir dann für ein theoretisches Jahr nach München gezogen. Dort sind wir in der Bibliotheksakademie an der Bayerischen Staatsbibliothek nochmal richtig zur Schule gegangen. Da hatten wir z. B. Kurse zu Öffentlichkeitsarbeit, zu Führung und Management, zu Urheberrecht, Open Access und vieles mehr. Das war also eine theoretische Vorbereitung auf die spätere Arbeit. Die Dozenten waren i. d. R. auch Praktiker*innen überwiegend aus dem Bibliothekswesen.

Den Abschluss bildete die Laufbahnprüfung, die uns formal für eine Beamtenlaufbahn und den höheren Bibliotheksdienst qualifizierte – ganz ähnlich wie das bei Lehrer*innen oder Jurist*innen der Fall ist.

Heute hat sich der Ablauf an der Staatsbibliothek etwas geändert. Inzwischen bleiben Referendar*innen die ganzen zwei Jahre hier in Berlin und belegen ein berufsbegleitendes Masterstudium als Fernstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin. Damit einher geht aus meiner Sicht ein höherer wissenschaftlicher Anspruch an die Referendar*innen, als das bei uns in München der Fall gewesen ist.

Eines sollte man vielleicht noch sagen: Hier im Haus wird man im Referendariat nicht nach Bedarf ausgebildet. Man bekommt einfach die Möglichkeit, diese Weiterqualifizierung zu erwerben und muss sich dann im Anschluss wieder auf ausgeschriebene Stellen bewerben. Es gibt also keine Übernahmegarantie. Ich habe selbst auch zuerst einen befristeten Vertrag erhalten. Wenn man aber Geduld hat sowie inhaltlich und örtlich mobil ist, findet man im Anschluss an ein Referendariat in der Regel früher oder später auch eine langfristige Beschäftigung.

Was ist in Ihren Augen wichtig, wenn man Fachreferent*in in der Bibliothek werden möchte? Was sollte man mitbringen?

Indra Heinrich: Viele verbinden mit der Bibliothek noch immer die Vorstellung, dass Bibliothekar*innen ständig Bücher lesen würden. Doch im Arbeitsalltag hat man keine Zeit, um in ein Buch zu versinken und sich intensiv damit auseinanderzusetzen.

Unsere Aufgabe ist eine andere: Wir richten unser Angebot und unseren Bestand auf unsere jeweiligen Zielgruppen aus. In der Staatsbibliothek wollen wir beispielsweise sehr gute Services für Wissenschaft und Forschung anbieten. Wir tun das einerseits, indem wir den Forscher*innen unsere Bestände und sämtliche Vor-Ort-Services bereitstellen. Andererseits entwickeln wir im Rahmen von Projekten beispielsweise unsere Online-Angebote weiter oder stellen ihnen unsere Daten oder neue digitale Tools zur Verfügung – z. B. Tools zum Analysieren von großen Datenmengen. Insbesondere die digitalen Angebote sind aus meiner Sicht die Zukunft der Bibliothek.

Mittlerweile ist deswegen ein Grundverständnis für technische Zusammenhänge und IT-Services, wenn nicht sogar solide Fachkenntnisse darin, eine zentrale Anforderung an Bibliotherkar*innen. Das heißt natürlich nicht, dass man Informatik studiert haben muss, auch wenn wir uns natürlich über alle Informatiker*innen freuen, die sich bei uns bewerben.

Aber man sollte, wenn man sich auf ein Referendariat bewirbt, eben ein gewisses Grundverständnis für technische Zusammenhänge mitbringen. Man sollte beispielsweise zumindest wissen, was hinter den Schlagworten „Open Access“ oder „Digital Humanities“ steckt. Im besten Fall hat man bereits Erfahrungen in diesen Bereichen gesammelt und bestimmte Tools schon einmal in Projektkontexten verwendet haben.

Gerade unter Geisteswissenschaftler*innen ist der Konkurrenzdruck um ein Referendariat beispielsweise relativ groß. Da ist es schon ein Vorteil, wenn man nicht „nur“ ein geisteswissenschaftliches Fach studiert hat, sondern bereits die Anwendung computergestützter Methoden, Erfahrungen im Projekt- und Wissensmanagement vorweisen kann oder vielleicht sogar ein Projekt geleitet hat. Das sind einfach Kompetenzen, die in der Bibliothek gefragt sind.

Das hängt auch damit zusammen, dass sich das Berufsfeld Bibliothek grundsätzlich gewandelt hat. Es geht heute nicht mehr nur darum, Monographien und Zeitschriften zu erwerben und zu erschließen – auch wenn dies immer noch eine Aufgabe von Fachreferent*innen ist. Vielmehr müssen wir im Anschluss daran überlegen, wie wir unsere Bestände so vermitteln und zugänglich machen können, dass sie von der Wissenschaft optimal genutzt werden können. Und das bedeutet unter anderem, Projekte zu leiten, digitale Angebote zu entwickeln oder Kooperationen mit Universitäten und anderen Einrichtungen anzustoßen. Darüber hinaus haben wir hier im Haus auch mehrere Sonderabteilungen beispielsweise zu Historischen Drucken oder Handschriften, in denen unsere Mitarbeiter*innen sich auch selbst aktiv an Forschungsprojekten beteiligen. Hier arbeiten Wissenschaft und Bibliothek Hand in Hand.

Auch ein anderer Punkt ist wichtig: Man ist als Bibliotheksmitarbeiter*in auch in einer gewissen Dienstleisterposition. Der Servicegedanke ist für uns absolut elementar. Das ist etwas, das ich an meinem Beruf sehr mag. Man hat wirklich das Gefühl, hier etwas Sinnvolles zu tun, andere Menschen zu unterstützen und ein Angebot für sie bereitzustellen, das ihnen wirklich hilft.

Zuletzt sollten sich Interessent*innen allerdings auch bewusst sein, dass Bibliotheken öffentliche Einrichtungen sind. Das bedeutet eben auch ein gewisses Maß an Verwaltungsarbeit, gerade wenn man in einer Leitungs- oder Führungsposition ist. Damit einher geht auch eine etwas ausgeprägtere Hierarchie als man es vielleicht in anderen Arbeitsbereichen oder aus dem Studium kennt. Aber man hat ja im Bibliothekswesen große Wahlmöglichkeiten: Man kann in eine große Bibliothek gehen, wo diese Strukturen vielleicht ausgeprägter sind, oder sich eine kleine Bibliothek, vielleicht sogar eine One-Person-Library, suchen, wo man ein Maß an Freiheit hat, das man in einer großen Einrichtung nicht bekommt. Dafür muss man mehr alleine machen und hat weniger Ressourcen zur Verfügung.

Gibt es etwas, das Sie jemandem, der sich für ein Referendariat interessiert, aber noch unsicher ist, mit auf den Weg geben möchten?

Indra Heinrich: Ich kann nur sehr empfehlen, Praktika zu machen.

Ansonsten muss man sich einfach fragen, warum man in der Bibliothek arbeiten möchte: Findet man die Themen spannend? Hat man wirklich Lust darauf, sich auch in (neue) IT-Bereiche einzuarbeiten? Oder sieht man in der Bibliothek eine Verlängerung der eigenen wissenschaftlichen Laufbahn mit einer sicheren Zukunftsperspektive? Dann ist die Bibliothek kein guter Arbeitsplatz. Denn auch wenn es Ausnahmen gibt: In der Regel arbeiten Bibliothekar*innen nicht mehr in ihren ursprünglichen Fachwissenschaften weiter. Das ist manchen leider nicht bewusst. Man sollte also wirklich eine Leidenschaft für das Thema Bibliothek mitbringen.

Das Bibliothekswesen verändert sich ja gerade massiv – und das wird es in den nächsten Jahren noch mehr tun. Man sollte Spaß daran haben, mit diesen Veränderungen, die oft technischer Natur sind, Schritt zu halten und diese aktiv mitzugestalten.

Nehmen wir – als ein Beispiel – das Thema Publikationen: Gedruckte Bücher werden nicht verschwinden, aber sie werden sich stark verändern. Elektronische Ressourcen kommen hinzu und werden immer wichtiger. Bibliotheken werden in Zukunft auch eine ganz andere Rolle auf dem Publikationsmarkt spielen – Stichwort „Langzeitarchivierung“. Gleichzeitig wird der klassische Benutzungsbereich, die Ausleihe von Büchern, immer weiter zurückgehen, je mehr online zur Verfügung steht. Hierauf müssen wir als Bibliothekar*innen mit neuen Angeboten und Dienstleistungen reagieren.

Sie engagieren sich neben Ihrer Arbeit ehrenamtlich beim Verband VDB. Wie kam es dazu und inwiefern bereichert es auch Ihren Berufsalltag?

Indra Heinrich: Der VDB ist ja der Personalverband für Bibliothekar*innen, ursprünglich vor allem für den wissenschaftlichen Bibliotheksbereich, mittlerweile auch für Mitarbeiter*innen öffentlicher Bibliotheken. Als Berufsverband wollen wir vor allem mit dazu beitragen, dass das Berufsbild weiterentwickelt und in die Zukunft transformiert wird. Beispielsweise möchten wir für Bibliotheksmitarbeitende Möglichkeiten schaffen, um sich in diesen Themenfeldern weiterzubilden. Wir organisieren viele Fortbildungen, z. B. Formate, in denen Bibliothekar*innen Informatikkenntnisse aufbauen oder auch erweitern können.

Ich bin dort schon seit ein paar Jahren aktiv, nachdem mich eine Kollegin aktiv angesprochen hatte. Für mich ist das Engagement beim VDB einfach eine sehr gute Möglichkeit, Kolleg*innen kennenzulernen, sich auszutauschen und sich ein Netzwerk aufzubauen – ich kann es nur empfehlen!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sophie Zue am 23. Oktober 2020.

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